Tanzplan Deutschland
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Tanzplan Potsdam: Artists in Residence - Lehr- und Forschungsprogramm der fabrik Potsdam496


Aktuelles64
Stadt und Land wollten aufgrund der knappen Haushaltsmittel keine internationalen Knstlerresidenzen mehr frdern, sondern vor allem kulturelle Bildungsprojekte. Trotzdem ist es der fabrik Potsdam gelungen, den ffentlichen Zuschuss fr den Erhalt ihrer Basisstruktur in 2011 um 81.000 Euro zu erhhen, 20.000 davon flieen in das Residenzprogramm. Damit gibt es auch fr Potsdam zumindest einen Teilerfolg in der Verhandlung um die Weiterfinanzierung nach Tanzplanende. (Stand Mai 2011)624


Projektbeschreibung78
Pnktlich zur Einweihung ihrer neuen Rumlichkeiten entwickelte die fabrik Potsdam. Internationales Zentrum fr Tanz- und Bewegungskunst ein neues "Artists-in-Residence-Programm". Tnzer und Choreografen knnen sich hier um ein Aufenthaltsstipendium bewerben, in dessen Rahmen sie nach ihren persnlichen Bedrfnissen an der fabrik Potsdam recherchieren oder produzieren knnen. Die fabrik kooperiert dafr auch mit internationalen Zentren.

Die Residenzen bieten Knstlern Raum, der sowohl Reflexion und Rckzug als auch Produktion ermglicht. Die Stipendien werden von einem knstlerischen Beirat in Zusammenarbeit mit der knstlerischen Leitung der fabrik Potsdam vergeben. Im Rahmen der Residenzen stehen ein Studio, Unterkunft, ein Zuschuss zum Lebensunterhalt und ein Reisekostenbudget zur Verfgung. Darber hinaus kann auf technische Untersttzung der fabrik Potsdam zurckgegriffen werden.

Ein besonderer Fokus liegt auf prozessorientierten Recherchen sowie auf thematisch ausgerichteten, offenen Arbeitsformaten, die sich mit Formen des Lernens und Zusammenarbeitens in Tanz, Choreografie und Performance auseinandersetzen. Einen Schwerpunkt in diesem Bereich bilden die "Arbeitswochen Choreographie", die jhrlich im Sommer stattfinden.

Residenzen finden ganzjhrig statt. Die zeitliche, rumliche und finanzielle Gestaltung der Residenzen sowie mgliche Prsentationsformate werden in Zusammenarbeit zwischen den Residenten und der Knstlerischen Leitung der fabrik Potsdam entschieden.
(Stand Mai 2009)


Beitrag von Sandra Luzina in
"Jahresheft Tanzplan Deutschland 2006/07" (Mrz 07)


Exponierte Schutzrume
Mit dem Tanzplan Potsdam ist ein neues Knstlerhaus-Programm in Brandenburg entstanden, das sich speziell an Choreografen, Tnzer und Performer richtet. Es ist rumlich und personell Teil der fabrik Potsdam, ein international gut vernetztes Tanzzentrum, das produziert, koproduziert und mit Laien arbeitet. Choreografen aus aller Welt gastieren hier seit rund 15 Jahren im laufenden Programm oder bei den Tanztagen Potsdam seit vergangenem Jahr knnen sie dank des Knstlerhaus-Programms nun auch in Potsdam forschen, experimentieren und probieren.

Ermglicht wird das neue Programm durch Mittel aus dem Frderprojekt Tanzplan Deutschland. 280.000 Euro stehen dem "Tanzplan Potsdam: Artists in Residence Lehr- und Forschungsprogramm der fabrik Potsdam" jhrlich zur Verfgung, wobei die Finanzierung wie bei allen Tanzplan vor Ort-Projekten nach dem Prinzip des Matchings funktioniert: 50 Prozent steuert die Kulturstiftung des Bundes bei, jeweils 25 Prozent kommen von der Stadt Potsdam und vom Land Brandenburg.

Die rumlichen und technischen Voraussetzungen zum Aufbau des Programms wurden durch den anderthalbjhrigen Umbau der fabrik Potsdam mithilfe von EU-Mitteln geschaffen. Nach Abschluss der letzten Bauphase stehen demnchst sechs Studios und vier Gstezimmer auf dem Gelnde zur Verfgung, in Potsdam Stadt ist eine weitere Wohnung zur Unterbringung von Knstlern angemietet. Zustzlich zur Nutzung der Rumlichkeiten kann den Artists in Residence ein monatliches Stipendium von maximal 450 Euro sowie die Erstattung ihrer Reisekosten gewhrt werden.

Nach der Bewilligung des Tanzplans Potsdam im Januar 2006 wurden von der knstlerischen Leitung zu der Sabine Chwalisz, Sven Till sowie die Assistentinnen Ulrike Melzwig und Frauke Niemann gehren sofort Residenzen fr das zweite Halbjahr ausgeschrieben. Grundstzlich knnen sich fr das Residence-Programm sowohl Nachwuchsknstler als auch erfahrene Choreographen bewerben; eine Altersbeschrnkung gibt es nicht. Bei jngeren Knstlern, die sich noch nicht durch Produktionen ausweisen knnen, sind Referenzen von Mentoren hilfreich. Mentoren bzw. knstlerische Berater stehen den erfolgreichen Bewerbern dann auch whrend ihrer Residency in Potsdam zur Seite. Das gesamte Programm wiederum wird kritisch gestaltend von einem knstlerischen Beirat begleitet, dem derzeit Nele Hertling, Peter Pleyer und Lorenz Kielwein angehren.

Von dem ursprnglich zweigliedrigen Modell von Kurzzeit- und Langzeit-Residenzen ist das Team abgerckt. Heute bewegen sich die Residenzen in einem Zeitraum zwischen zwei Wochen und drei Monaten. Eine Flexibilisierung des Verfahrens wurde notwendig, weil die fabrik Potsdam sich zum einen an den zeitlichen Vorstellungen der Knstler orientiert und zum anderen bestrebt ist, die Gastchoreographen in das sonstige Programm der Fabrik einzubinden.

In Potsdam denkt man prozess-orientiert. Ziel der Residenzen ist es nicht, fertige Stcke zu entwickeln, sondern Freirume zu schaffen. Leitend ist dabei die Idee der knstlerischen Selbstbestimmung: Die Knstler whlen selbst Thema, Vorgehensweise, Methode und Arbeitsstruktur. Die Residenz bietet ihnen einen exponierten Schutzraum, wo sie ihrer Kreativitt unabhngig von den Diktaten des Marktes freien Lauf lassen knnen. Genauso wichtig ist Chwalisz und Till der Gedanke der Vermittlung und damit der gesellschaftliche Auftrag: Es wird ausdrcklich gewnscht, dass die Gastchoreographen am Ende ihrer Residenz zu einer Prsentation einladen. Wobei sie das Format frei whlen knnen, sei es ein Showing, eine Improvisation, ein offenes Studio oder ein Publikumsgesprch.

Mit den Arbeitswochen Choreografie ging das Artists-in-Residence-Programm im Sommer 2006 in erste Runde. Vom 30. Juli bis zum 12. August waren sieben junge Choreographinnen aus Berlin, Tallinn und Toronto eingeladen, in Potsdam eigene Projektideen zu entwickeln und weiterzuverfolgen. Von dem konzentrierten und intensiven Arbeiten schwrmten sie bereinstimmend: Ein Studio rund um die Uhr zur Verfgung zu haben, ist fr die meisten ein unerhrter Luxus. Die Mglichkeit, sich von einem Mentoren/einer Mentorin beraten zu lassen, war das Besondere dieses Programms.

Dass auch eine zweiwchige Residenz fr intensive Recherche genutzt werden kann, demonstrierte der Amerikaner Patrick Scully. Zusammen mit den befreundeten Performern Kats Fukasawa, Laurie Van Wieren und der Transsexuellen Venus war er im Januar 2007 als Artist in Residence in Potsdam. Die vier teilten ein klar definiertes Erkenntnisinteresse: das Kabarett der Weimarer Republik, das bekanntlich stark von jdischen und homosexuellen Knstlern geprgt war. Gemeinsam besuchten sie die Gedenksttte des KZ Sachsenhausen, das Holocaust Mahnmal, das Jdische Museum und das Schwule Museum Berlin. Die Tanzwissenschaftlerin Susanne Foellmer diskutierte mit ihnen ber Valeska Gert und die Kabarett-Szene der Zwanziger Jahre. Tagsber haben sich die Knstler informiert, nachts in den Studios gearbeitet. Zum Abschluss ihres Aufenthalts zeigten sie die zwei Programme "Shadows of Cabaret" und "Deeper Shadows".

Wie man eine siebenwchige Residenz fr die Materialsammlung und knstlerische Recherche nutzen kann, zeigt die Choreografin und Tnzerin Diane Busuttil. In ihrem Projekt mit dem Arbeitstitel The Perfect Woman untersucht sie, welchen Einfluss die Medien auf das Selbstbild von Frauen haben. Dafr hat die Australierin zunchst Workshops mit zwei Generationen von Frauen in der fabrik abgehalten; einer Gruppe von 65- bis 80-jhrigen und einer Gruppe von 13- bis 21-jhrigen. Die Bewegungs- und Theaterbungen waren von intensiven Gesprchen zum Thema Lgen und Geheimnisse begleitet. Im Anschluss ging Diane Busuttil mit Julie Bougard und Silvana Surez Cedeo ins Studio, um auch mit den Profitnzerinnen zu erfoschen, wie ngste und Phobien mit dem Krperbild und der weiblichen Selbstwahrnehmung zusammenhngen. Von Anfang an dabei war die Videoknstlerin Laura Scarborough, die auch die Ergebnisse der Workshops auf Video dokumentiert hat.

Neben der Gender-Thematik kristalliert sich im Artists in Residence-Programm als weiterer Schwerpunkt die Methodenforschung heraus. Der zeitgenssische Tanz ist eine selbstreflexive Kunstform; der knstlerische Prozess und die choreografische Arbeitsweise werden von den Choreografen stets mitgedacht. Nicht nur der Begriff der Autorschaft hat sich dabei verndert, es werden auch neue Modelle der Kollaboration erprobt. Die franzsisch-deutsche Gruppe Practicable etwa, im Mrz in Potsdam zu Gast, will hier eine horizontale Arbeitsstruktur, die Recherche, Kreation, Vermittlung und Produktion miteinander verbindet realisieren.

Durch das Artist in Residence-Programm konnte die fabrik Potsdam sich als ein knstlerisches Zentrum profilieren, wo Tanz und Choreografie erforscht, produziert, gelehrt und vermittelt werden. Schon jetzt gehrt die fabrik einem internationalen Netzwerk an, und ber den Tanzplan Potsdam sind weitere Kooperationen in Planung: Die Zusammenarbeit mit dem Hochschulbergreifenden Zentrum fr Choreographie in Berlin ist bereits auf den Weg gebracht, der Kontakt zu anderen europischen Knstlerhusern soll ausgebaut werden. Im permanenten Austausch unter Choreographen, Performern und Tnzern sowie zwischen Knstlern und Zuschauern soll das Wissen ber den zeitgenssichen Tanz vertieft werden.498

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[ Kontakt vor Ort ]177
Ulrike Melzwig499
fabrik Potsdam500
Internationales Zentrum fr Tanz- und Bewegungskunst501
Schiffbauergasse 10, PF 600607502
14406 Potsdam503
Tel. 49 (0)331.2800314504
www.fabrikpotsdam.de506
[ Partner vor Ort ]178
fabrik Potsdam505
[ Frderer vor Ort ]179
Landeshauptstadt Potsdam514
Brandenburgisches Ministerium fr Wissenschaft, Forschung und Kultur515

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