Tanzplan Deutschland
Stempel
tanzplan essen 2010286


Aktuelles64
Der Projektinitiator PACT Zollverein will die interdisziplinären Arbeitstreffen „Explorationen“ und den internationalen Austausch der Kunsthochschulen „Agora – Feldstärke International“ fortführen. Beide Formate sind über die europäische Kulturszene hinaus auf große Wertschätzung gestoßen: Internationale Partner stehen bereit zur weiteren Zusammenarbeit - für "Explorationen" gibt es grünes Licht. (Stand Juni 2011)619


Projektbeschreibung78
Essen verfügt über eine lange Tradition im Bereich der Tanzausbildung. Im Rahmen des Tanzplans widmet sich das Essener Projekt der Erforschung und Erprobung von Lehrmodellen für den Tanz.

Verschiedene Essener Institutionen arbeiten dabei in Workshops und Symposien zusammen und beginnen einen Dialog über Lehrmethoden und Lernziele.
In jährlich stattfindenden Symposien werden unter dem Titel EXPLORATIONEN internationale Experten zu einwöchigen Vorträgen und Diskussionen eingeladen.
Die Werkwochen, die fünf mal im Jahr stattfinden, bilden ein zentrales Instrument zur praktischen Erprobung von Kooperationen zwischen verschiedenen Kultureinrichtungen innerhalb der Stadt Essen und dem Land NRW. AGORA ist ein europaweit bisher einmaliger transdisziplinärer Austausch von Studenten der Abschlussklassen internationaler Kunsthochschulen, Akademien und Postgraduierten-Einrichtungen. Eine Woche lang arbeiten über 100 Studenten und Lehrkräfte an praktischen und theoretischen Fragestellungen und vertiefen notwendige Erkenntnisse der Zusammenarbeit und des Lernens in immer komplexer werdenden Zusammenhängen.

Als Träger von tanzplan essen 2010 beauftragt die Stadt Essen einzelne Partner, Projekte durchzuführen. Koordiniert werden diese von einem Organisationsbüro, das am PACT Zollverein angesiedelt ist. Partner sind das Aalto Ballett Theater, der Deutsche Berufsverband für Tanzpädagogik, die Folkwang-Hochschule, die Folkwang Musikschule, das Folkwang Tanzstudio, das Gymnasium Werden und der PACT Zollverein. Darüber hinaus die assoziierten Partner Frauenhofer-Institut für Autonome Intelligente Systeme AIS St. Augustin, Hartware MedienKunstVerein Dortmund, Institut für Theaterwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum, Kulturwissenschaftliches Institut Essen und die MusikFabrik NRW.
(Stand Mai 2009)

Beitrag von Franz Anton Cramer im
"Jahresheft Tanzplan Deutschland 2006/07" (März 07)


Lernen verstehen
Die Gesellschaften des Westens, so wird häufig gesagt, haben derzeit mit einer Krise des Wissens zu tun. Denn die Lebenswelten sind so komplex geworden, die daraus resultierenden Anforderungen an den Einzelnen und an größere Körperschaften so gewachsen, dass kein eindimensionaler Begriff des Lernens mehr hilfreich sein kann. Vielmehr ist ein ständiger Prozess der Neuaneignung, der Umwandlung, der Anpassung von Kompetenzen notwendig, um sich im lebendigen Umfeld zu behaupten. Demzufolge kann es auch in der Lehre nicht mehr darum gehen, festgelegte Kompendien zu vermitteln und sich auf die bloße Weitergabe von Wissen, Fertigkeiten und Techniken zu verlassen. Sondern es gilt, die Prozesse des Lernens selbst besser zu verstehen, beweglicher zu machen und an die je neuen Bedürfnisse anzupassen. In diesem Sinne wird Wissen und der Umgang mit Gewusstem selbst zu einem Handeln und Gestalten.

An diesem Punkt setzt der Tanzplan Essen 2010 an. Stadt und Region Essen haben einen privilegierten Platz im Bereich der künstlerischen und insbesondere der tänzerischen Ausbildung. Die Folkwangschule setzte seit ihrer Gründung in den 1920er Jahren Maßstäbe in der Neudefinition des Verhältnisses von Tanz, Bühne, Theatralität und individuellem künstlerischem Schaffen. Im Laufe der Jahre sind zahlreiche andere Institutionen hinzugekommen, die ein dichtes Netz unterschiedlicher Kompetenzen, Perspektiven und Interessen am Tanz abbilden. Aus dieser Konzentration von vermittelnden, forschenden, erzieherischen und diskursstiftenden Einrichtungen entwickelte sich mit dem Tanzplan Essen 2010 ein dreigliedriges Konzept zur Erforschung und Erprobung von Lehrmodellen, dessen Realisierung nach einer längeren Entwickungs- und Organisationsphase Ende 2006 begann. Die Stadt Essen fördert das Projekt genau wie Tanzplan Deutschland mit jährlich 500.000 € Euro.


Werkwochen
Den unmittelbarsten Ansatz stellen die Werkwochen dar, die etwa drei Mal jährlich stattfinden sollen. Die beteiligten Projektpartner organisieren sich hier ohne eine zentrale Steuerungsinstanz; es werden Begegnungen mit Fachleuten bzw. Institutionen initiiert, mit denen ein Austausch und eine Erweiterung der eigenen Perspektiven möglich erscheinen. Die Werkwochen sind die kleinsten, mobilsten und am meisten dezentral strukturierten Einheiten in dem beabsichtigenden Lernfeld des Tanzplan Essen 2010. Bereits durchgeführt wurde etwa ein Projekt mit dem Musiker Jens Thomas zur Frage der Improvisation, für das das Folkwang-Tanzstudio sich mit dem Schauspielhaus Bochum zusammengetan hatte. Weiterhin geplant ist eine Veranstaltung über Lernverhinderungsstrategien, für das die Folkwang-Musikschule mit dem Gymnasium Werden kooperiert. Und Martin Puttke vom Aalto Ballett hat sich mit einem Team von Neurobiologen vernetzt, um der Frage nachzugehen, inwiefern Tanzbilder im Gehirn entstehen, ehe sie körperlich zur Ausführung gelangen.

Grundlage dieser und anderer Projekte soll der Austausch sein – und die Einsicht, dass die Arbeit am Eigenen durch Impulse von außen befruchtet werden kann. In den Werkwochen sollen so genannte "niedrigschwellige Arbeitssituationen" geschaffen werden, in denen die Grundlagen der eigenen Tätigkeit im Bereich Tanz (und im besten Fall auch in den anderen eingeladenen Disziplinen) erhellt und hinterfragt werden. Prozessualität, Entwicklung und mittelfristige Innovation sind Stichworte dieses Formats, das ganz auf die Initiative der Partner angewiesen ist. Eine Programmhoheit oder spezifischen Input wird es nicht geben.

Werktausch
Mit dem im Zweijahresrhythmus geplanten Werktausch auf PACT Zollverein greift der Essener Tanzplan auf die Erfahrungen aus drei Treffen europäischer Tanzhochschulen zurück, die zwischen 2000 und 2004 ebenfalls auf PACT stattgefunden haben. Die Beschränkung auf den Bereich Tanz und Choreographie wurde für den Werktausch jedoch zugunsten eines breiteren Austauschs mit Studierenden anderer künstlerischer Sparten aufgegeben, auch angesichts der ab 2008 geplanten Ausrichtung einer Biennale für Studierende im Bereich Bühnentanz durch die Tanzplan Deutschland-Ausbildungsprojekte (die erste Biennale soll 2008 in Berlin stattfinden, die nächste 2010 in Frankfurt/Main). Diese Öffnung entspringt der Überzeugung, dass künstlerische Ausbildung insgesamt modellhaft gedacht werden kann für neue Vermittlungsformen von Wissensbeständen und Erfahrungskompetenzen. Der erste Werktausch wird im Dezember 2007 stattfinden: Eine Woche lang werden etwa 100 Lehrkräfte und Studenten aus Abschlussklassen verschiedener internationaler Kunsthochschulen und Akademien gemeinsam an theoretischen und praktischen Fragestellungen arbeiten.

Künstlerische Ausbildungen haben neben der Vermittlung eines Repertoires an technischen Fertigkeiten und handwerklichem Können – was durchaus auch die bislang als „Theorie" bezeichneten Praktiken des Schreibens, des Recherchierens, Zitierens und Offenlegens von Quellen und Wissensbeständen umfasst – vor allem die Auseinandersetzung mit dem Rang, dem Status und der Dimension des eigenen Schaffens gemeinsam. Die britische Ausbildungsexpertin und Wissensforscherin Irit Rogoff nennt das die „Dringlichkeit" (urgency) künstlerischer Tätigkeit und betont die Notwendigkeit, auf der Offenheit von Prozessen des Lehrens und Lernens zu beharren. Niemand kann wissen, was am Ende eines künstlerischen Prozesses und zumal eines Prozesses der Ausbildung stehen wird. Die bisweilen schwer zu vermittelnde und noch schwerer zu verteidigende Kluft zwischen den Anforderungen der Effizienz und Ergebnisorientierung hier und den Widerständen gegen die Rationalisierung des Wissens, der Kompetenz im Künstlerischen dort, gilt es deutlich zu machen und zu behaupten. Der Vergleich mit anderen Formen künstlerischer Praxis – bildende Kunst, Architektur, ggf. Schauspiel etc. – soll den Begriff von Ausbildung systematisch erweitern und aus den Begrenzungen durch die eigenen technischen Fragestellungen herausholen.

Symposien
Als drittes Element des Tanzplan Essen 2010 sollen im Jahresrhythmus Symposien veranstaltet werden, die sich aus übergreifender Perspektive mit Begriffen des Lernens und des Wissens auseinandersetzen. Dabei wird es insbesondere darum gehen herauszufinden, welche Formen und Praktiken der Vermittlung und Aufschlüsselung von Wissen welchem Gegenstand angemessen sind bzw. umgekehrt, ob nicht jedes Wissen seine eigene Transmission erfordert. Dabei soll es ausdrücklich nicht um eine Zusammenstellung von Referaten und mitgebrachter Expertise gehen, die in Modulform einander gegenüber gestellt werden. Sondern es soll jeweils eine Kerngruppe aus etwa 40 Teilnehmern über einen Zeitraum von mehreren Tagen in den Räumen von PACT Zollverein zusammenkommen und an anderen, neu zu denkenden Formaten des Austauschs, der Kommunikation und der Erweiterung arbeiten. Auch hier ist die Entwicklung wichtiger als das Ergebnis, sind die Disziplingrenzen weniger entscheidend als die Erkundung neuer Territorien. Nicht Lernoptimierung oder Ergebnisbeschleunigung stehen im Mittelpunkt, sondern die Öffnung der eigenen Praxis.

Tanzplan Essen 2010 stellt sich somit einer der zentralen Grundfragen im Bereich der künstlerischen und besonders der tänzerisch-choreographischen Bildung: Wie kann das spezifische, situationsgebundene und performativ strukturierte Wissen des Einzelnen in einen fruchtbaren Austausch mit den Wissensbeständen der Umwelt gebracht werden?288

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