Tanzplan Deutschland
Stempel
Symposium "Tanz - Raum - Knstlerhuser"1138


Aktuelles1147
ber 80 Teilnehmer aus 8 Nationen diskutieren mit Knstlern, Architekten und Philosophen das Fr und Wider von Residenzen fr Tanzknstler.1148


Projektbeschreibung1149
Tanzplan Deutschland will das Engagement fr den Tanz und die ffentliche Anerkennung seines knstlerischen Potenzials bundesweit strken. Im Rahmen seiner Tanzplan-vor-Ort Projekte werden in Frankfurt, Hamburg und Potsdam verschiedene Residenzprogramme fr Tnzer und Choreografen entwickelt. Die Akademie Schloss Solitude bietet als Knstlerhaus mit einem interdisziplinren Ansatz den idealen Raum, um die mit den Tanzresidenzen verbundenen Ideen zur Knstlerfrderung in einen bergreifenden Zusammenhang zu stellen. Welche Beziehung besteht zwischen knstlerischer Praxis und gesellschaftlicher Relevanz von Knstlerhusern? Welche spezifischen Bedingungen und Chancen bieten Residenzprogramme fr Tanzknstler? Diese und andere Fragen zum Thema Tanz und Raum diskutieren Tnzer und Choreografen und sowie Kulturwissenschaftler, Knstler, Architekten und Vertreter kultureller Institutionen.

Ein Gemeinschaftsprojekt von Akademie Schloss Solitude www.akademie-solitude.de und Tanzplan Deutschland.

Ablaufplan
Donnerstag 22.02.2007
19 Uhr Yehuda Safran, Architekt, Columbia University New York City
Raum, Architektur und Tanz. Eine phnomenologische Annherung
20 Uhr Imbiss

Freitag 23.02.2007
10 Uhr Jean-Baptiste Joly, Leiter der Akademie Schloss Solitude, Stuttgart
Die Tradition der Knstlerhuser
11 Uhr Stefan Hilterhaus, Leiter PACT Zollverein Essen, im Gesprch mit Jean-Baptiste Joly
12 Uhr Markus Bader und Jan Liesegang, Architekten, raumlabor_berlin
resident Evil
13 Uhr Mittagessen
14.30 Uhr Alice Chauchat, Choreografin, Berlin und Jan Ritsema, Regisseur, PAF, Laon im Gesprch mit Madeline Ritter, Tanzplan Deutschland: "hosting the hosts"
15.30 Uhr Ligia Nobre, Stipendiatin der Akademie Schloss Solitude, Sao Paolo, exo residency programme in Sao Paolo: copanoramas
16.30 Uhr Pause
17 Uhr Nele Hertling, Leiterin des Berliner Knstlerprogramms des DAAD Berlin, im Gesprch mit Knstlern
18.30 Uhr Alice Chauchat "quotation marks me (Performance)
19.30 Uhr Abendessen

Samstag 24.02.2007
10 Uhr Prsentation der Tanzplan Residenzen
11 Uhr Offener Raum fr Arbeitsgruppen und Gesprchsrunden mit den Vortragenden, den Tanzplan-vor-Ort Partnern und internationalen Gsten u.a. zu Mobile Rume fr den Tanz, Artists (in) Residence Organisationsformen von Knstlerhusern, Netzwerk Residenzen, Residenz-Hopping.
13 Uhr Mittagessen
14 Uhr Abschlussdiskussion
16 Uhr Ende

Stand Januar 2007


Dokumentation des Symposiums von Edith Boxberger

Knstlerfrderung wird stark diskutiert. Welche Rume und Bedingungen brauchen Knstler? Was soll in der Zeit einer Residenz entstehen? Welche Beziehungen bestehen zwischen knstlerischer Praxis und gesellschaftlicher Relevanz von Knstlerhusern? Welche spezifischen Bedingungen und Chancen bieten Residenzprogramme und Knstlerhuser fr Tanzknstler? Mit diesen und anderen Fragen erffneten Madeline Ritter (Projektleiterin von Tanzplan Deutschland) und Jean-Baptiste Joly (Leiter der Akademie Schloss Solitude) das Symposium Tanz/Raum/Knstlerhuser, bei dem in einer zweitgigen Miniresidenz Tnzer, Choreographen, Kulturwissenschaftler, Architekten und Vertreter kultureller Institutionen diskutierten.

Geschichte, Grundmuster und Modelle von Knstlerresidenzen waren die Themen des ersten Tages. Am folgenden Tag fokussierte sich die Diskussion, ausgehend von den Tanzplan-Residenzen, auf die Situation im Tanz, wobei im Zusammenhang spezifischer Aspekte wie Organisation, Vernetzung, Mobilitt etc. wiederholt grundlegende Fragen von Struktur und Produktion, Bedrfnis und Status des Knstlers angesprochen wurden.

Zeit, deren Definition eng mit den Entwrfen von Gesellschaft verbunden und sich vor allem in Umbruchsituationen ndert, wurde im 20. Jahrhundert zum Schlsselbegriff. Yehuda Safran, Architekt und Verfasser zahlreicher Essays ber Theorie und Praxis in Kunst, Architektur und Film und Dozent u. a. an der Columbia University, New York, erluterte in seinem Einfhrungsvortrag Space, Architectur and Dance. A phenomenological approach, wie sich das neue Zeitverstndnis in unterschiedlichen knstlerischen Produktionen niederschlug und Komponisten wie Architekten, Schriftsteller wie bildende Knstler sich hnlichen Fragestellungen gegenber sahen. Zeit war keine objektive Gre mehr, sondern ein zu formendes Kontinuum (wie es im Modell des Endless House, im spiralfrmigen Turm zum Ausdruck kommt). In Husserls zugespitzter Formulierung: Jeder muss sich seine Zeit erschaffen.

Der moderne Tanz, so Safran, brachte das neue Zeitverstndnis am strksten zum Ausdruck: Tanz hat besondere Mglichkeiten, Zeit, die sich im Raum verkrpert, darzustellen. Safran unterstrich die Bedeutung des Festspielhauses Hellerau, in dem der Bewegungsforscher Emil Dalcroze und der Bhnenbildner Adolphe Appia unmittelbar zu Beginn des 20. Jahrhunderts Klang und Bewegung in neuen Rumen erschufen. Hellerau war ein Magnet, ein sehr wichtiger Ort fr das Neuerfinden von Zeit, das sich in rumlichen Arrangements niederschlgt. Nie zuvor hat jemand ein so abstraktes Set entwickelt wie Appia in seinen Bhnenraum-Skizzen, so Safran, er hat nicht nur Objekte im Raum geschaffen, sondern Sets fr Bewegung. Hellerau wurde 1914 geschlossen, Dalcroze und Appia gerieten in Vergessenheit, fr Safran aber ist sehr klar, dass z.B. Mies van der Rohe, ein hufiger Besucher in Hellerau, dort zur Abstraktion angeregt wurde.


MODELLE FR KNSTLER-RESIDENZEN

Die Tradition der Knstlerhuser (Jean-Baptiste Joly)

Ein zeitlich begrenzter Aufenthalt an einem bestimmten Ort, so lautet die Minimaldefinition fr Knstlerprogramme. Das Spektrum ist sehr breit, es bewegt sich zwischen vllig offenem Rahmen und klarem Produktionsmodus. Die Bedingungen sind vielfltig, die Institutionen und Initiativen, die sie betreiben, unterschiedlich. In der Bildenden Kunst besitzen sie eine lange Tradition, in der Darstellenden Kunst mit ihren anderen Produktionsbedingungen muss nach den spezifischen Bedrfnissen gefragt werden.

Jean-Baptiste Joly, der in seinem Vortrag Grundmerkmale herausarbeitete, bezeichnete Kultur-Institutionen als zugleich poetische und politische Unternehmen, Orte, in denen Kultur konserviert oder produziert wird, und ffentliche Rume, die durch Kunst, Wissen und Denken die Gesellschaft reflektieren - eine besondere Institution, vergleichbar mit der Aktivitt einer Akademie im Sinne der Renaissance, deren Aufgabe es war, den Knstler als Subjekt zu etablieren, Raum fr Gesprche und Dispute zu schaffen. Als erstes Residential art center gilt die 1966 gegrndete Acadmie de France in Rom heute Villa Medici , die Ausbildung und Frderung mit Arbeitsverpflichtungen der jungen Knstler verband.

Neben diesem klassisch-akademischen Modell entstanden seit dem 19. Jahrhundert lndliche Knstlerkolonien (Barbizon, Worpswede) und, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, das urbane Modell z. B. des Bateau Lavoir am Montmartre in Paris ideale Orte, hervorgegangen aus dem Engagement und der berzeugung gleichgesinnter Knstler. In den siebziger und achtziger Jahren dieses Jahrhunderts entstanden zahlreiche Neugrndungen, um den Entstehungsprozess von Kunst zu zeigen. In der jngsten Vergangenheit wurden Studienprogramme in bestehende Institutionen eingebaut, die dadurch auch ihre Produktionskapazitt erweitern (Volksbhne, ZKM, Schiller Nationalmuseum) mit der Gefahr, fr die Institution zu sehr vereinnahmt zu werden.

Knstlerhuser, so Joly, bewegen sich im Widerspruch zwischen den Zwngen einer Institution mit ffentlichem Haushalt, Jurys, Aufsichtskomitees und dem Wunsch nach knstlerischer Freiheit. Als wichtigstes (neben Stipendium, Studio und mglicher Projektfrderung) bieten sie eine andere Zeit an, eine Zeit ohne Eigenschaft, die nicht von auen bestimmt wird, sondern sich durch die innere Notwendigkeit des Knstlers strukturiert. Diese ermgliche eine Erfahrung, die vielleicht erst sehr viel spter zum Tragen komme. Sie sollte fr beide Seiten, fr Knstler und fr die Institution, als eine Investition in die Zukunft verstanden werden.

In der Diskussion mit Stefan Hilterhaus (PACT Zollverein, selbst ein Residenz-Ort) betonte Joly die Bedeutung eines klaren Profils: was erwartet man, was gibt man, wofr setzt man sich ein. Durch diese Selbstbestimmung beweise die Institution ihre Souvernitt fr Joly der entscheidende Punkt. Er tritt dafr ein, sich diese Souvernitt zu bewahren und nicht durch zu viele Kooperationen und Geldgeber zu gefhrden bzw. von externen Kriterien abhngig zu machen. Sie kommt auch in der Frage der Knstler-Auswahl zum Ausdruck. In Schloss Solitude wird die Auswahl durch eine international besetzte Jury getroffen, die auf Vorschlag des Direktors vom Kuratorium gewhlt wird. Die Jury-Mitglieder sind fr je eine Sparte verantwortlich, sie treffen subjektive Entscheidungen, die transparent gemacht werden - Qualitt ist das oberste Kriterium. Das Stipendium umfasst ein ganzes Jahr, wovon zwei Drittel der Zeit im Haus verbracht werden mssen, ber die Zeit kann frei verfgt werden. Projekte knnen bis zu zwei Jahre nach Ablauf des Stipendiums realisiert werden, das erhhe die Qualitt und schaffe einen Schwarm von Stipendiaten um das Haus. Das Stipendium kann auch gestckelt werden, das bringt Lockerheit, aber auch Tiefe; denn der zweite Aufenthalt ist oft effizienter.

Frage Bertram Mller (tanzhaus nrw): Wie verhlt sich die Behauptung der Souvernitt zur Entscheidungsmacht der Juroren, die keinen Bezug zum Haus und zum Publikum haben? Das sei eben, so J.-B. Joly, das Tanzen auf dem Seil: Die Juroren wissen aber, worum es geht und unsere Aufgabe ist es, das richtige Publikum zu organisieren und den Politikern die Dinge erklren und rechtfertigen. Nele Hertling (DAAD-Knstlerprogramm): Ob als Leiter oder als Juror, es bleibt immer die Entscheidung von Personen, und dazu muss man sich bekennen.

Die wirklichen Fragen sieht Joly im Kontext der knstlerischen Arbeit: in der Auseinandersetzung ber Ideen und Realisierung des Projektes, in der Bereitschaft, auch mit bescheidenen Mitteln (4.000 Euro) ein Projekt zu verwirklichen. Es sind die Ideen der Knstler, durch die Spielregeln verndert werden. Die Zukunft sieht Joly in Institutionen, die sich um Knstler herum bilden. In Osteuropa habe die Praxis der Kunst einen Einfluss auf die Gesellschaft, etwa in Rumnien, und treibe die Demokratie voran. Es gehe darum, diesen Prozess zu untersttzen, wie etwa im Modell des Studio-Programmes von Solitude, diese Szenen international zu ffnen.
Solitude will auerdem die Sparte darstellende Kunst ausbauen und dabei die Frage untersuchen, inwieweit der Tanz als bindendes Element zwischen den Disziplinen steht.

Resident evil (Markus Bader, Jan Liesegang, raumlabor_berlin)

Herausforderung wie Chance sehen die Architekten Markus Bader und Jan Liesegang, die sich mit temporren Rumen befassen, in Mobilitt und Temporalitt. Entlang unterschiedlicher praktischer Beispiele kristallisierten sie Kriterien ihrer Arbeit heraus und zogen daraus Schlsse fr Knstler-Residenzen. Vielfltige Raumnutzung, Aufhebung von klarer Funktionstrennung und die Verbindung unterschiedlicher Bedrfnisse wie Rckzug und Austausch kennzeichnen ihre Arbeit, besonders wichtig an der Gestaltung von Rumen sind Kommunikationsangebote und die Beziehung nach auen.

Bezogen auf Residenz beinhaltet dies Offenheit, eine ffnung zur heute oft entmischten Stadt. hnlich der aufblasbaren Box, die fr temporre Gemeinschaften entwickelt wurde und sich berall aufstellen lsst, sehen die Architekten eine Residenz als ein Gebilde, das sich in die Stadt reinquetscht, aber etwas Eigenes ist. Als sehr wichtig betrachten sie die weichen Faktoren bei der Raumfrage: Atmosphre, Aneignungspotential, Offenheit, Erneuerbarkeit und Inspiration des Ortes.

Dabei werden Situationen nicht beliebig, sondern stets fr einen Anlass geschaffen. Rume werden aus einem Konzeptionsprinzip entwickelt wie z.B. im Hotel Neustadt in einer Plattenbausiedlung in Halle, in der kommunikative Schnittstellen zwischen Knstlern und Bewohnern hergestellt wurden, oder in der Gestaltung des Aufenthaltsbereiches einer Frankfurter Messehalle mit Objekten mit mehrdeutigem Funktionsangebot, die umgestellt und ganz verschieden genutzt werden konnten terrain vague, in das man sich immer neu verorten kann.

Ihre Empfehlung fr die Verortung von Residenzen lautet, Knstler tendenziell dorthin zu bringen, wo gesellschaftliche Prozesse stattfinden und Kultur sonst keinen Platz hat. Den konkreten Vorschlag Shopping Center, derzeit im Zentrum vieler Stdte geplant, verstehen Bader und Liesegang selbst als Provokation und sind sich unsicher, ob man sich da hineinbegeben kann. Jedoch: es gibt viele Schnittstellen der Gesellschaft, an denen positive Reibung mglich ist.

Hosting the hosts (Jan Ritsema, Alice Chauchat im Gesprch mit Madeline Ritter)

Als Grund, den Komplex des ehemaligen Mdchenkonventes in St. Erme in der Nhe von Reims zu erwerben und als Performing Arts Forum (PAF) zu nutzen, nannte der Regisseur Jan Ritsema die Untersttzung kritischer, selbstreflexiver Kunst, wie sie sich in den neunziger Jahren entwickelte und die anwachsende Studentenzahl.

PAF ist als ein Ort der Konzentration, ein Ort des Arbeitens und des Lernens konzipiert. Der Zugang soll unkompliziert sein, es soll keine Selektion stattfinden, das Haus soll sich nicht selbst wichtig nehmen. Entgegen dem Diktum, wonach es die Schule ist, die den Einzelnen prgt, soll hier jeder selbst aktiv werden und entscheiden, was getan wird. Daher gibt es auch wenig Regeln. Das Hauptprinzip lautet: wer handelt, entscheidet. PAF offeriert nichts, es wird gefllt durch die Leute, die da sind (Ritsema).

Im Dezember 2005 wurde mit vierzig Knstlern verschiedener Disziplinen ber die Prinzipien von PAF gesprochen. Die Choreographin Alice Chauchat, die an der Organisationsgruppe beteiligt ist, betont die grundstzliche Offenheit des Forums: Der Raum hat keine spezifische Bestimmung. Er ist offen fr verschiedene Ideen, die dort koexistieren knnen. Man kann sich mit Leuten treffen und arbeiten, allein dort hingehen oder ein Schultreffen organisieren.

Chauchat weist auf eine andere Art des Arbeitens in einem Zusammenhang hin, der nicht vertraglich geregelt und daher elastischer ist: Forschen, lernen, produzieren gehen ineinander ber. Man spricht ber die Arbeit, und es entsteht ein starkes Bedrfnis, noch weiter zu gehen. Das Programm werde von den Anwesenden gemacht, die sich alle, unabhngig vom Stand ihres Wissens und Praxis, auf gleicher Ebene befinden. Selbstorganisation und Verantwortlichkeit sind die Grundpfeiler. Die Kosten betragen 15 Euro pro Tag, sie verbilligen sich mit der Dauer des Aufenthaltes.

Das Projekt steht noch am Anfang, es bentigt Resonanz und Untersttzung und insbesondere auch Mittel fr Renovierung und Unterhalt. Sponsoren sind bisher nur schwer zu interessieren, weil das Projekt nicht klar zuzuordnen ist (Ritsema). Es werden Projekte entwickelt, z.B. Aufenthalte von Schulen organisiert, um Gelder zu erhalten, doch soll darauf geachtet werden, die Idee des Ortes zu bewahren. Wenn viele Knstler kommen, hofft Ritsema, knnte das Haus in einigen Jahren unabhngig sein. Bei den Prsentationen an vielen europischen Orten reagieren, so Ritsema, besonders junge Knstler sehr stark darauf. Im August und September dieses Jahres findet in St. Erme eine Sommerakademie statt.

Exo residency programme in Sao Paulo: copanoramas (Ligia Nobre)

Knstler aus aller Welt einzuladen, um in Zusammenarbeit mit brasilianischen Forschern Projekte zu entwickeln, die auf den politischen und sozialen Kontext Brasiliens zielen, aber auch Debatten anzustoen ber zeitgenssische sthetische Praktiken, ist die Idee von exo experimental, einer unabhngigen Organisation fr interdisziplinre Forschung und Produktion in Sao Paulo, die Projekte im Bereich Kunst, Stadtplanung und Sozialplanung untersttzt. Sao Paulo ist eine Stadt extremer sozialer Gegenstze Symbol fr die Baukunst der Moderne und Synonym fr riesige favelas, in denen viele Illegale leben.

Die Arbeit unter prekren institutionellen und sozialen Bedingungen ist nur mglich, wie die Architektin Ligia Nobre, Mitbegrnderin und Kodirektorin von exo, zur Zeit der Tagung selbst Residentin in Solitude, erluterte, durch die Partnerschaft mit lokalen und internationalen Kulturinstitutionen, aber auch durch private Untersttzung. So wohnen etwa die Residenten in Apartments des Copangebudes, einem riesigen wellenfrmigen Apartmenthaus von Oscar Niemeyer, die von Freunden gemietet werden, und die Dualitt zwischen gated city und den Ausgeschlossenen vermitteln.

Die Projekte werden meistens von Institutionen vorgeschlagen, deren Gestaltung jedoch entwickelt sich ber einen lngeren Zeitraum gemeinsam mit den Knstlern. Auf diese Weise entstehen intensive Prozesse der Zusammenarbeit, bei der sich alle Seiten, die Institutionen, die Knstler und die Organisation konzeptuell und finanziell engagieren. Oft entstehen daraus langfristige Projekte, die in Ausstellungen, Zeitungen etc. auch ffentlich gemacht werden.

Berliner Knstlerprogramm des DAAD (Nele Hertling)

Das Berliner Knstlerprogramm des DAAD hat eine spezifische Geschichte. Es geht zurck auf eine Schenkung der Ford Foundation, die es in Zeiten des Kalten Krieges ermglichte, Knstler aus osteuropischen Lndern einzuladen. Was frher politische Bedeutung hatte, die Freiheit der Kunst zu strken, sieht Nele Hertling, die Leiterin des Programms, gerade heute wieder als wichtigen Auftrag. Das international hoch angesehene Programm kann seine Juroren selbst zusammenstellen, die Jury entscheidet gemeinsam ber die Auswahl. Es bietet Knstlern der Bildenden Kunst, Literatur, Musik und Film Stipendium, Wohnung und offene Nutzung der Zeit fr ein halbes bis ein ganzes Jahr. Durch die Zusammenarbeit mit Kulturinstitutionen, Museen und Festivals entstehen bundesweite Impulse; viele Gste bleiben lnger in Deutschland.

In einem der Filme, die die polnische Videoknstlerin Katarzyna Kozyra, ehemalige DAAD-Stipendiatin, zeigte, ist sie selbst als Operndiva zu sehen. Nur in der Kunst werden Trume wahr stellt eine Transformation der Persnlichkeit im Rahmen der Kunst dar. Kozyra, die heute in Berlin und Warschau lebt, nutzte das Stipendium vor einigen Jahren fr eine Gesangsausbildung und tritt seitdem auch als Performerin live auf.


Tanzplan Residenzen

1. fabrik Potsdam
Die Residenzen entwickelten sich aus einer bestehenden Struktur; sie wurden im Rahmen des Tanzplan stark ausgeweitet und sind eingebettet in das Veranstaltungs- und Kursprogramm der Tanzfabrik. Bis jetzt gibt es drei Studios, ab September sechs. Viele Knstler kommen aus Berlin, einige auch aus dem Ausland. Der Aufenthalt beinhaltet Wohnung und Stipendium plus Nutzung der Studios. Angeboten werden Kurz- und Langzeitstipendien, die meisten Knstler bleiben zwischen zwei und vier Wochen. Das Stipendium ist als offene Recherche konzipiert. Jede Residenz hat aber auch ffentliche Momente, Showings oder Workshops. berwiegend, so Sven Till, wird produktionsorientiert gearbeitet; gewnscht ist eine grere Balance zwischen Forschung und Produktion.

Die Zugangsbedingungen sind offen. Bewerbungen sind jederzeit und ohne Altersbeschrnkung mglich, wobei man mehr und mehr auf Leute zugeht (Sven Till). Bisher werden die Knstler in einer internen Gruppenentscheidung ausgewhlt; eine nderung wird erwogen. Auch ein Netzwerk ist im Aufbau.

Schwerpunkt des Residenzprogramms sind Choreographie-Wochen im August, die sich an junge Choreographen richten. Gezielt werden Knstler aus lokalen und internationalen Kontexten zusammengebracht, auch Mentoren eingeladen, um gemeinsam zu arbeiten.

Residenzen werden als work in progress betrachtet, Prozess und eigenes Handeln kontinuierlich reflektiert. Erste Ergebnisse: es braucht strkere Differenzierung, lngerfristige Vorbereitung, konzeptionelle Beratung. Residenzen sind ein essentieller Bestandteil des Programms geworden: Wir wollen, dass sie Spuren hinterlassen und der Ort soll Spuren hinterlassen. (Sven Till)

2. K 3 Zentrum fr Choreographie Hamburg
Auf Kampnagel wird ein neuer Ort fr junge Choreographen geschaffen, dessen Aufgabe mglicherweise weniger eine Residenz als ein Frderprogramm ist (Kerstin Evert). Sowohl Ort als auch Programm sind noch im Aufbau. Das vielfltige praktisch-theoretische Programm gliedert sich in verschiedene Schwerpunktphasen, die sich ber die Dauer von neun Monaten verteilten.

Das Angebot umfasst Kurse ber verschiedene produktionstechnische Aspekte, auerdem Workshops und Mentoring, die Teilnahme an Veranstaltungen des Studienganges Performance Studies der Uni Hamburg sowie die dramaturgische Betreuung einer Choreographie. Von einer externen Jury wurden drei Choreographinnen aus Rotterdam, Berlin und Hamburg ausgewhlt. Im April startete das Pilot-Programm, in dem noch vieles offen und entwicklungsfhig ist (Kerstin Evert). Im Sommer findet der Umbau der Rume statt, in denen knftig die Arbeit entwickelt, begleitet, gezeigt und diskutiert werden kann.

Jean-Marc Adolphe, Autor und Mitherausgeber von mouvement, unterstrich die Relevanz der Untersttzung junger Choreographen und wies auf die fehlende Untersttzung von jungen Kompanien beim Start der Arbeit aus.

3. Tanzlabor 21 Frankfurt
besteht aus verschiedenen Bausteinen, die ineinander greifen und sich verstrken (Melanie Franzen): Profitraining, Projektensemble, zwei neue Studiengnge an der Musikhochschule, Tanz in Schulen, Tanzveranstaltungen, Aufbau eines Archivs, biennales Sommerlabor. Zustzlich wurden drei sechs- bis achtwchige Residenzen ohne Altersbegrenzung eingerichtet. Die Residenzen wurden nicht ausgeschrieben, sondern durch das Leitungsteam des Tanzplan-Konzeptes Heiner Goebbels, Dieter Heitkamp und Dieter Buroch vergeben. Die ausgewhlten Choreographen Abou Lagraa, Tony Rizzi und Prue Lang wollen produzieren, was jedoch nicht Bedingung ist. Die Knstler sollen sich in die Stadt einbringen und mit den Institutionen vor Ort vernetzen. Sie sollen z.B. Profi-Training und Master Classes geben und es soll vor allem auch eine Verbindung mit dem neu einzurichtenden Choreographie-Studiengang geben (Coaching der Studenten, Projekte der Choreographen). Das Profil steht jedoch auch hier noch nicht endgltig fest.

Bertram Mller hlt es fr entscheidend, Residenzen als Forschungsaufenthalt zu erhalten, aber berlegungen anzustellen, wie ein Touring-System fr entstehende Arbeiten etabliert werden knne.

ber vier Themen wurde in Arbeitsgruppen diskutiert:
Artists in Residenz/Organisationsformen
Geld/Funding
Netzwerkresidenzen
mobile Rume

Residenzen variieren sehr stark in ihren Organisationsformen. Jede Institution muss sich neu definieren, Selbstverstndnis und die gegenseitigen Erwartungen sowie die konkreten Modi klren. Die Situation fr das Akquirieren von Geldern ist unverndert schwierig; Stiftungen sind dafr noch nicht offen. Doris Oser (Kulturamt Dresden) schilderte die Situation fr Hellerau: da Stadt und Land kein Geld haben, wird vielleicht ein Industrieunternehmen das Festspielhaus erwerben, damit sich aber auch die Frage der Identitt stellen. Fr Jan Ritsema ist klar, dass PAF auch von den Nutzern mit getragen werden muss. Im neuen Haus von TanzRaumBerlin mssen Kompanien, die Basisfrderung erhalten, die Miete mit bezahlen.

Whrend in der bildenden Kunst Residenzen meist eine Auszeit bedeuten, dominiert im Tanz produktionsorientiertes Arbeiten ein Punkt, der viele Diskussionen auslste. In welchen Zwngen steckt die Kunst heute? Muss Kunst sich legitimieren und wie kann sie das tun? Welche Mglichkeiten bieten Strukturen? Gibt es oder braucht es Alternativen? Wie ist der Status des Knstlers?

Netzwerk-Residenzen: ber viele Jahre hat die Stuttgarter Akademie ein dichtes Netz von ehemaligen Stipendiaten und Partner-Institutionen aufgebaut, das inzwischen, so Jean-Baptiste Joly, viele Nachfolgeprojekte hervorbringt. Basis dieser Arbeit ist die Kontaktpflege mit den ehemaligen Stipendiaten, und zwar als regelmige persnliche Verbindung ber email-Verkehr. Das Wissen, woran Knstler arbeiten und die Initiativen von Institutionen weltweit, zu denen im Lauf der Jahre Beziehungen geknpft wurden, fhren zu neuen Projekten wie demonstriert an einem Beispiel mit Knstlern verschiedener Sparten in Toronto. Joly betont, dass es dabei nicht um Machtausbung geht, sondern darum, die richtige Entscheidung mit den richtigen Personen zur richtigen Zeit zu fllen.

Bereits bei der Vorstellung des Performing Arts Forum wurde die Frage der Macht angesprochen, die in Hierarchie eingeschrieben ist. Macht, hatte Alice Chauchat formuliert, soll ihre Grenzen kennen: Jeder, der etwas anbietet, muss sich fragen, wie er sich darstellt. Jean-Marc Adolphe hlt die Frage der Macht fr sehr wichtig: Man whlt aus und das ist eine Machtposition. Bedeutender noch aber ist fr ihn die Frage nach den Bedingungen, unter denen Kunst produziert wird und der Bedeutung von Produktion. Zu viel Geld sei in Strukturen gebunden, zu wenig stehe direkter fr Knstler, fr andere Arbeitsprozesse, fr Austausch zur Verfgung, und dafr msse man auch kmpfen.

Adolphe: Es gibt heute viele Produktionen, aber zu wenig Zeit fr Begegnung und Auseinandersetzung. Wir mssen auch Mglichkeiten produzieren, das heit Rume fr eine gewisse Zeit schaffen und Leute verschiedener Knste zusammenbringen. Er zitiert das mit EU-Mitteln realisierte SKITE-Projekt in den 90er Jahren, bei dem zehn von ihm ausgewhlte, damals unbekannte Choreographen mit jeweils fnf von den Choreographen selbst ausgewhlten Knstlern verschiedener Disziplinen ber einen Monat zusammen arbeiteten und sich in verschiedenen Konstellationen ausprobierten, und nur einmal Fragmente von Erfahrungen zeigten - eine Zusammenarbeit mit nachhaltiger Wirkung.

Nach fnf Wochen intensiver Erfahrungen wollten die Studenten des DanceWeb-Jahrganges 2006 nicht einfach wieder auseinander gehen. Sie schlossen sich als sweet and tender collaboration zusammen und suchen, in unterschiedlichen Konstellationen, Mglichkeiten der Zusammenarbeit. Valentina Desideri, die die Aktivitten koordiniert: Wir sind die Ressourcen fr uns und haben das Bedrfnis, Gelegenheiten fr uns zu schaffen und uns selbst in verschiedener Weise zu organisieren. (Adresse angeben).

Alice Chauchat unterstreicht, die Kritik ziele nicht auf Strukturen an sich, sondern auf nderungen des Denken innerhalb von Strukturen; es sollte weniger Programm gemacht als Gelegenheiten hergestellt werden. Sie pldierte dafr, die Anwesenheitspflicht in Residenzen nicht zu rigide zu handhaben und den Aufenthalt insgesamt mehr vom Knstler her zu denken.

Fr Jean-Marc Adolphe besteht die Aufgabe darin, nicht nur Orte zu schaffen, sondern darber zu reflektieren, wie man Dinge tut. Wir sollten mehr von Fragestellungen ausgehen und Projekte stiften erklrt Adolphe, d.h. wir sollten, auch als Leiter, mehr nach Fragen suchen. Und wir sollten ber Kunst, nicht ber einzelne Kunstformen sprechen. Denn der Tanz ist die zeitgenssische Form der Oper; er geht vom Krper aus und vereint verschiedene Knste.

Adolphe schlgt vor, von artist-in-presence statt von artist-in-residence- zu sprechen, dadurch ndere sich der Status des Knstlers. Er sei dann nicht mehr blo Empfnger von Geld und Produktionsmglichkeiten, sondern derjenige, der sich in den Ort einbringe. Als Konsequenz fr Residenzen bedeutet dies: mehr Spielrume, den Knstlern mehr Verantwortung bertragen.

Mobile Rume: Mobilitt und Flexibilitt wurden in ihrer Ambivalenz diskutiert. Das Adaptieren an immer neue Orte hat positive wie negative Aspekte. Von Institutionen wird ein hheres Ma an Flexibilitt gewnscht, da Bedrfnisse von Knstlern unterschiedlich sind. Hinterfragt wird die enge Bindung zwischen Residenz und Produktion im Tanz (die aber nicht berall gilt): hat das mit dem Wunsch von Husern zu tun, etwas zu zeigen? Und: haben vorzeigbare Ergebnisse auch etwas mit der Legitimation gegenber Geldgebern zu tun oder sind auch andere Strategien denkbar?

Jean-Marc Adolphe mchte lieber von Projekt als von Residenz sprechen und kritisiert die Trennung von performance/production und Forschung. Findet in der knstlerischen Praxis keine Forschung statt? Wenn ein Aufenthalt nicht mit einer Produktion endet, bedeutet das, es wurde nicht gearbeitet? Mit diesen Fragen initiierte Adolphe eine weitere Diskussion ber den Charakter der Arbeit und ber die Interdependenz mit der Politik, ber Visibilitt und Legitimierung. Kunst stecke heute in zu vielen Zwngen. Sie sei eingeklemmt zwischen Kunstmarkt, ffentlicher Aufmerksamkeit und dem Verlangen der Politik nach Legitimierung der Arbeit der Institutionen.

Durch Sichtbarkeit, so Joly, legitimiere man das eigene Tun gegenber den Geldgebern. Residenzen mssten sich besonders legitimieren, denn hier gehe es nicht zuerst um Zuschauerzahlen. Joly: Der Pressespiegel ist unsere Legitimation. Der Akademie-Direktor wies darauf hin, dass ber die Hauptaufgabe hinaus, junge Knstler zu frdern und dafr die richtigen Leute zu finden, berlegt werden muss, wie die Institution entwickelt werden kann und schilderte die Bemhungen in dieser Richtung: den Aufbau eines internationalen Netzwerkes mit Stipendiaten und Institutionen, verschiedene Versuche, ein anderes Publikum zu erreichen, den Aufbau des Programmes art as business, die Verbindung zwischen Wissenschaftlern und Knstlern.

Jean-Marc Adolphe schlug vor, den Bezugspunkt zu ndern. Wissenschaftliche Forschung brauche Jahre der Forschung, um zu Ergebnissen zu kommen, in der Kunst aber msse es schnell gehen, das investierte Geld sich baldmglichst auszahlen. Adolphe: Vielleicht ist das Theater voll, aber ich bin nicht glcklich. Wir mssen starken Widerstand leisten und uns fragen: was ist das Ziel von Kunst?

Madeline Ritter warnt davor, die Bereiche Produktion und Distribution zu vermischen und hlt die Verbindung von mehreren Koproduktionspartnern und verschiedenen Residenzen fr problematisch. Tatschlich aber seien heute die politischen Anforderungen im Hinblick auf Rechtfertigung der Untersttzung viel strikter, weshalb nicht wenige Residenzen mit outreach-Programmen verbunden seien. Dennoch mssten Residenzen bewahren, wofr sie stehen: Gastfreundschaft und Freiheit der Kunst.

Fr Jan Ritsema sind Visibilitt und Vermittlung ambivalent: Wir erziehen unser Publikum, und es wei jetzt, was Kunst ist; ob das immer gut ist, ist die andere Frage. Vielleicht war Kunst freier, als es weniger Aufmerksamkeit gab.

Barbara Friedrich bezeichnet das Anwachsen von Residenzen als eine Notlsung aufgrund ungengender Arbeitsmglichkeiten und fehlender Anerkennung als Beruf. Sie seien nur fr eine begrenzte Zeit bzw. in einer bestimmten biographischen Phase geeignet, da Bindungen an Orte und Menschen erschwert wrden.

In seiner Zusammenfassung der Themen und Diskussionspunkte sah Jean-Baptiste Joly eine Bewegung, die, ausgehend vom verzeitlichten Raumbegriff der Moderne immer enger an den Alltag von Residenzen heranfhrte und pldierte dafr, dass Residenzen sich strker an die Praxis von Knstlern anpassen. Dies bedinge, dass Institutionen flexibel seien und die Dynamik der Knstler wahrnehmen. Joly nannte vier Merkmale, die eine Knstlerresidenz ausmachen und Stoff fr neue Diskussionen (Madeline Ritter) boten:

der Mythos, die Fiktion, mit der sich die Institutionen, der Ort verbindet,
die Qualitt der Knstler,
das materielle Angebot der Institution,
die Reaktionsfhigkeit des Teams.1150

Tanzplan Deutschland

[ Zeitraum ]1151
22. bis 24. Februar 20071152


[ Kontakt vor Ort ]1154
Marguerite Joly1155
Paul-Lincke-Ufer 42/43717
10999 Berlin718
Tel. 49 (0)30.695797-10719
Fax: 49 (0)30.695797-19720